Wohnen im Turm

Flyertext

Eine „Wohnung von der Stange“ ist nicht die
Sache von Bianka und Wolfgang Weißenrieder.
Sonst wären sie nicht auf die Idee gekommen,
den Igstadter Wasserturm zu erwerben und
zum Wohnen herzurichten.
– Was sie zum Kauf bewogen hat,
– wie der Denkmalschutz zu seinem Recht
kommt,
– warum das Wohnen im Wasserturm
besonders gesund ist,
– wie Igstadt von oben aussieht,
dies und mehr können Sie bei einem Besuch
und bei einer Besichtigung des Turmes erfragen
und erfahren.

Bericht von Erich Herbst jr.

Der zweite Tag der Igstadter Kulturtage, der Samstag, stand zunächst im Zeichen der Information sowie eines weiteres Highlights: der Besichtigung des Wasserturms. Kaum zu bewältigen war der Ansturm. In Gruppen von 15 bis 20 Personen führte es die Besucher 100 Stufen den Turm hinauf, um oben angekommen einen überwältigenden Blick über Igstadt und die Umgebung zu werfen. Bianka und Wolfgang Weißenrieder gaben den Besuchern einen Einblick in das Leben im Wasserturm, der keine „Wohnung von der Stange“ sei. Über 700 Personen aus nah und fern, nahmen an der Besichtigung teil (Familie Weißenrieder hielt wegen des großen Ansturms die Türen auch am Sonntagnachmittag geöffnet).

Zuvor hatte Dr. Kurt Rauschnabel einen Überblick über die Historie des Wasserturms gegeben: Ausschlaggebend für den Bau einer eigenen Wasserversorgungsanlage und damit auch des 27 Meter hohen und 70 m3 fassenden Wasserturms im Jahre 1910, war die anhaltende Trockenheit 1905 (Zur damaligen Zeit erfolgte die Wasserversorgung noch aus Privat- sowie den Gemeinde-Brunnen). Obwohl die Flörsheimer Wasserversorgungsgesellschaft auch Igstadt mitbeliefern wollte, entschloss man sich, eine eigene Wassergewinnungsanlage zu bauen. Mit einem Vorentwurf wurde Dipl.-Ing. Dr. Moder betraut, welcher die topographischen und allgemeinen Verhältnisse beschaute und den täglichen Wasserbedarf der zu damaligen Zeiten 820 Einwohner ermittelte - 85,5 m3.. Es folgten Schürfungen und Pumpversuche, Konzept und Pumpenwahl und schließlich der Bau des Turmes im Jahre 1910 sowie der Wassergewinnungsanlage im Wickerbachtal. Beide versahen ihre Dienste bis Igstadt 1966 an die zentrale Wasserversorgung der Landeshauptstadt Wiesbaden angeschlossen wurde. Im Jahre 1973 erwogen die Stadtwerke, den funktionslos gewordenen Turm abzureißen. Dagegen erhob sich ein Proteststurm der Bürger Igstadts. Schließlich erwarb die Stadt den Turm und stellte ihn nach Renovierung unter Denkmalschutz. Da die Stadt die Sanierungskosten in den Folgejahren nicht mehr tragen wollte, bot diese den Wasserturm 2004 zum Verkauf an. Im Jahre 2005 wechselte der Turm dann die Besitzer, die neuen Eigentümer sind Bianca und Wolfgang Weißenrieder.

Die Historie des Igstadter Wasserturms wurde ausführlich von Heimatforscher Walter Crecelius dargelegt, und ist, mit einer Erweiterung von Dr. Kurt Rauschnabel, im zweiten Teil der in Kürze erscheinenden Ortschronik nachzulesen.

Von „Pannen am Turm“ wusste unter anderem Paul Günter Lind in einem Vortrag zu berichten: Der Druck in den Hauswasserleitungen war abhängig von der Füllhöhe des Wasserturms. Bei höchstem Wasserstand (25m) betrug der Druck 2,5 Bar (1 Bar pro 10 m Wassersäule). Bei geringer Füllhöhe kam dementsprechend oft nur ein Rinnsal aus den Hauswasseranschlüssen.

Die Pumpen zum Befüllen des Wasserturms standen unter der Aufsicht eines Wassermeisters. Zum Erfassen der Füllhöhe besaß dieser ein großes Manometer in seiner Werkstatt. War der Druck zu gering, musste die Pumpe angelassen werden. Bei Feueralarm war eine Dauerförderung notwendig. In solch einem Falle, musste sich der Wassermeister in den 30-ger Jahren mit dem Fahrrad zum Pumpenhaus am Wickerbach begeben, um das Gerät einzuschalten, damit Löschwasser zur Verfügung stand (Um einen gesicherten Brandschutz zu gewährleisten, wurde schließlich in der St. Gallusstraße eine Zisterne angelegt). Da in den Kriegs- und Nachkriegsjahren oftmals der Strom ausfiel, liefen die Pumpen erst gar nicht an, und der Turm konnte dementsprechend nicht befüllt werden. In einer Brandnacht, als 12 Scheunen in Flammen standen, wurde schließlich gar Jauche als Löschmittel eingesetzt.

Es kam aber auch vor, dass der Wasserturm überlief. Auf die Frage, warum dies so sei, habe der damalige Wassermeister Willi Becht gesagt:“ Ja, Bub der Dreck muss auch einmal ausgespült werden“, deswegen laufe er über. - Und der Wasserturm lief oftmals über. Ob dies wirklich so gewollt war, oder ob es vergessen wurde, die Pumpen abzuschalten, stellt Paul Günter Lind in Frage. Jedenfalls lief das Wasser über ein dickes Rohr dem Turm heraus und ergoss sich in die Mainzer- (heute Nordenstadter-) Straße, den „Kästrich“.

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